Was ist eine Major Depression?
Die Major Depression, auch klinische Depression genannt, ist eine psychische Diagnose, die nach festgelegten Kriterien gestellt wird. In Europa nutzen Fachleute vor allem die ICD-11 der WHO (Internationale Klassifikation der Krankheiten, 11. Revision). Dort wird diese Erkrankung als "depressive Episode" eingeordnet (einzeln oder wiederkehrend). Das amerikanische DSM-5 verwendet den Begriff "Major Depressive Disorder". Die beiden Systeme überschneiden sich stark, unterscheiden sich aber in einigen Bereichen. Die ICD-11 trennt zum Beispiel chronische Depression deutlicher von depressiven Episoden und bewertet Trauer differenzierter. In beiden Systemen ist das Grundbild gleich: Die Beschwerden halten mindestens zwei Wochen an, sind eine deutliche Veränderung gegenüber früher und verursachen erheblichen Leidensdruck oder erhebliche Schwierigkeiten.
Für die Diagnose muss eine Person im selben Zeitraum von zwei Wochen mehrere bestimmte Beschwerden haben. Eine davon muss eine gedrückte Stimmung oder der Verlust von Interesse und Freude sein. Weitere Beschwerden sind deutliche Veränderungen von Gewicht oder Appetit, zu wenig oder zu viel Schlaf, Unruhe oder Verlangsamung, Müdigkeit, Gefühle von Wertlosigkeit oder starker Schuld, Konzentrationsprobleme und wiederkehrende Gedanken an den Tod oder an Suizid.
Eine Major Depression kann leicht, mittelgradig oder schwer ausgeprägt sein. Sie kann einmal auftreten oder im Laufe des Lebens wiederkehren. Viele Menschen, die eine depressive Episode hatten, erleben eine weitere. Sie betrifft Menschen jeden Alters. Frauen erhalten die Diagnose häufiger als Männer. Das kann zum Teil an Unterschieden darin liegen, wie Menschen Hilfe suchen und ihre Beschwerden beschreiben.
Beschwerden und Diagnose
Depression ist viel mehr als Traurigkeit. Viele Menschen beschreiben eine anhaltende Leere oder Taubheit. Sie haben vielleicht keine Freude mehr an Dingen, die sie früher geliebt haben. Diese Beschwerde heißt Anhedonie. Sie fühlt sich anders an als gewöhnliche Traurigkeit und bleibt meist auch dann bestehen, wenn etwas Schönes passiert.
Körperliche Beschwerden sind für die Diagnose genauso wichtig. Der Schlaf kann gestört sein, oft durch sehr frühes Aufwachen und manchmal durch zu viel Schlaf. Appetit und Gewicht können deutlich zu- oder abnehmen. Viele Menschen fühlen sich fast jeden Tag müde und energielos, und selbst kleine Aufgaben können sich wie eine enorme Anstrengung anfühlen. Unruhe oder verlangsamte Bewegungen und Sprache können anderen auffallen.
Depression beeinflusst auch das Denken. Konzentrieren, Entscheiden und Erinnern können schwerfallen. Viele Menschen beschreiben einen "Nebel im Kopf". Die Gedanken werden oft pessimistisch und kreisen um frühere Misserfolge oder vermeintliche Fehler. Bei schwerer Depression kann eine Person auch Wahnvorstellungen oder Halluzinationen haben, meist zu Themen wie Schuld, Krankheit oder Sinnlosigkeit.
Zur Diagnose gehört immer eine Untersuchung durch eine qualifizierte Ärztin oder einen qualifizierten Arzt. Dazu gehört eine ausführliche Vorgeschichte der Beschwerden: wann sie begonnen haben, wie lange sie schon anhalten und wie sie den Alltag beeinflussen. Dabei wird auch geprüft, ob etwas anderes die Beschwerden erklären könnte, etwa eine bipolare Störung, eine Schilddrüsenerkrankung, ein Vitaminmangel, ein Medikament oder Substanzkonsum. Fragebögen wie der PHQ-9 helfen, den Schweregrad der Beschwerden zu messen. Sie ersetzen keine klinische Beurteilung.
Behandlungsmöglichkeiten bei Major Depression
Zu den evidenzbasierten Behandlungen bei Major Depression gehören Psychotherapie, Medikamente und zunehmend auch Hirnstimulation. Welche Behandlung passt, hängt davon ab, wie schwer die Depression ist, welche Behandlungen schon ausprobiert wurden, wie Ihre Lebensumstände sind und was Sie bevorzugen.
Für Psychotherapie gibt es umfangreiche klinische Evidenz, besonders für die kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die interpersonelle Psychotherapie (IPT) und die Verhaltensaktivierung. Diese Ansätze helfen Menschen, ungünstige Denkmuster zu erkennen und zu verändern, Beziehungen und Kommunikation zu verbessern und wieder Aktivitäten aufzunehmen, die ihnen wichtig sind. Therapie kann einzeln oder in der Gruppe stattfinden und umfasst meist wöchentliche Sitzungen über mehrere Monate.
Antidepressive Medikamente wirken auf die Botenstoffsysteme im Gehirn. Häufige Arten sind SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und SNRI (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer). Bis sie ihre volle Wirkung erreichen, dauert es meist 4 bis 6 Wochen. Etwa die Hälfte der Menschen erlebt mit dem ersten antidepressiven Medikament eine gewisse Besserung, aber nur etwa jede dritte Person erreicht eine vollständige Remission. Das bedeutet, dass die Beschwerden auf sehr wenige oder keine zurückgehen. Viele Menschen müssen ein anderes Medikament oder eine Kombination ausprobieren, bis sie etwas Passendes finden. Die große STAR*D-Studie mit mehr als 4.000 Personen hat dieses Muster bestätigt. Nebenwirkungen sind unterschiedlich. Häufig sind Magenbeschwerden, sexuelle Probleme, Veränderungen des Schlafs und Veränderungen des Gewichts.
Behandlungen mit Hirnstimulation sind eine weitere Möglichkeit, auch für Menschen, die Ansätze ohne Medikamente bevorzugen. Die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) nutzt einen sehr schwachen elektrischen Strom, um die Aktivität in Hirnbereichen, die an der Stimmung beteiligt sind, zu verändern. Klinische Studien haben gezeigt, dass tDCS bei Major Depression helfen kann. Sie ist für die Anwendung zu Hause vorgesehen, und Nebenwirkungen sind typischerweise mild und vorübergehend. Ein Behandlungsverlauf beginnt in den ersten 3 Wochen mit 5 Sitzungen pro Woche, danach folgen Fortsetzungssitzungen.
Veränderungen im Lebensstil unterstützen die Genesung und können helfen, einer Rückkehr der Beschwerden vorzubeugen. Regelmäßiges Ausdauertraining kann bei leichter bis mittelgradiger Depression helfen. Guter Schlaf, weniger Stress, soziale Kontakte und eine ausgewogene Ernährung unterstützen die Behandlung.
Klinische Evidenz für tDCS
- Eine Studie unter Alltagsbedingungen mit 410 Personen zeigte mit tDCS eine Ansprechrate von 55 %.¹
- Eine in Nature Medicine veröffentlichte Studie ergab, dass 57,5 % der Personen mit tDCS zu Hause eine Remission erreichten und sich die Behandlung ohne Klinikbesuche in den Alltag einfügte.²
- Die SELECT-TDCS-Studie mit 120 Personen ergab für tDCS eine vergleichbare Wirkung wie für Sertralin, ein antidepressives Medikament.³